Heiligabend 2025
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden;
nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden;
überhaupt nicht ein Sein, sondern ein Werden;
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind́'s noch nicht, wir werden's aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
So hat Martin Luther gesprochen - und dessen letzte Worte vor seinem Tod waren bekanntlich: Wir sind Bettler, das ist wahr.
Diese Worte nach einem Leben voller Energie, auch voller Kampf müssen wir nicht als bitteren Abschiedsspruch hören,
sondern als große Erkenntnis an der Schwelle zur Ewigkeit: Was uns tragen kann, wenn es um „Sein oder Nichtsein“ geht -
das können wir nicht selbst hervorbringen. Das muß uns geschenkt werden. Darum können wir nur bitten - zuletzt sogar betteln.
Dafür müssen wir uns auf den Weg machen zu dem, der allein Halt und Heil schenken kann.
„Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm.“
Das ist eine lebenslange Übung, ein Pilgerweg.
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden - überhaupt nicht ein Sein, sondern ein Werden …
Ein Weg in Richtung ewige Heimat. Ein Weg, der in unerreichbare, unvorstellbare Dimensionen führt -
allein für uns nicht zu bewältigen. Gott muß uns entgegenkommen, begleiten, manchmal auch tragen.
Und er kommt uns entgegen - Welt ging verloren, Christ ist geboren …
Als Weihnachtsgeschenk, als Gottesgeschenk.
Damit wir nicht verloren sind auf diesem Weg durch Raum, Zeit und Ewigkeit.
Damit wir die ewige Heimat nicht verfehlen, darum hat Gott einen Lichtschein dieser Heimat auf die Erde gebracht;
in unsere irdische Heimat - vorläufig, unvollendet, aber Heimat, solange unser Erdenleben währt ...
Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg … Zur Krippe kann jeder eilen. Das Kind kann jeder besuchen.
Heimat. Viele Menschen sind äußerlich und innerlich heimatlos oder sind in Sorge, daß die Heimat verloren gehen könnte -
überall in der Welt und nicht zuletzt bei uns. Fremd im Eigenen ... Es wächst die Besorgnis, daß die Heimat - Vaterland, Muttersprache - das, worauf man sich bei allen Ungewißheiten doch irgendwie verlassen kann - zerbröselt, umkippt, wegbricht …
Heimatlosigkeit und Haltlosigkeit breiten sich aus - diesen Eindruck gewinnt man manchmal schon.
Wohin führt das alles? Was wird werden?
Heimatlosigkeit in der Welt und im Land, außen und innen – und mittendrin das Kind in der Krippe.
Daß die Welt ein unwirtlicher Ort sein kann, das erfuhr Jesus gleich in Bethlehem.
Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland …
Die Krippe war ein Provisorium. Etwas Besseres war gerade nicht da.
Aber gerade dort hat der Himmel sein Licht, seinen Stern aufscheinen lassen.
Gerade die Weihnachtskrippe wurde zum Symbol für Geborgensein und Zuhausesein –
manchmal unter schlimmsten Umständen:
im Krieg, auf der Flucht, hinter Stacheldraht …
Wo die ewige Heimat bei den Menschen einkehrt, wird die zeitliche Heimat in einen neuen Glanz getaucht.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Wir sind auf dem Weg mit unserem Bruder und Herrn. Er begleitet uns.
Er stärkt uns. Er erleuchtet uns, damit wir mit Herz, Seele und Verstand den Weg durch diese oft unwirtliche Welt gehen können -
um schon hier und jetzt Heimat zu finden (oder wieder zu finden), Heimat zu bewahren -
auch Heimat zu geben, wenn es sein soll, wenn es angebracht und richtig ist ...
Und um schließlich in die ewige Heimat einzutreten.
Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber ... Amen
